Journalismus im Internet

Zensur in Aserbaidschan

„Wir haben keine Angst mehr“

Der aserbaidschanische Musiker Jamal AliDer aserbaidschanische Musiker Jamal Ali, Foto: Ayxan Tan

In Aserbaidschan herrscht offiziell keine Zensur. Alternative Meinungen werden jedoch kaum öffentlich, sagt Jamal Ali, Musiker und selbsternannte professionelle Spottdrossel im Interview.

Welche Restriktionen gibt es im Journalismus in Aserbaidschan?

In unserem Land existiert keine Meinungsfreiheit. Die derzeitige Regierung möchte, dass jedermann genauso denkt wie sie. Alternative Ansichten haben keine Chance, über das Fernsehen oder die Zeitungen verbreitet zu werden. Aber es gibt einige wenige Organisationen, die es irgendwie schaffen, mit couragiertem Journalismus zu überleben. Ein Beispiel für die Unterdrückung ist die Erpressung der Radio-Liberty-Redakteurin Khadija Ismayil. Letztes Jahr recherchierte sie zu den Geschäften der Präsidentenfamilie Aliyev. Daraufhin installierte unser Geheimdienst versteckte Kameras in ihrem Schlafzimmer und drohte ihr, die aufgenommenen Videos online zu verbreiten. Viele Journalisten hätten nach einer solchen Erpressung die Recherche aufgegeben; Khadija Ismayil hörte nicht auf. Das gibt den anderen Mut. Ein anderes Beispiel ist der Tod von Elmar Huseynov (A.d.R., der wiederholt über Korruption in der Regierung berichtete). Er war der Herausgeber der Wochenzeitung Monitor, die besonders unter russischsprachigen Menschen in Aserbaidschan beliebt war. 2005 wurde Huseynov vor seinem Haus erschossen.

Wie frei können Aserbaidschaner ihre Meinung im Internet veröffentlichen?

Das Internet und hier insbesondere Facebook und Twitter sind die einzigen Plattformen, auf denen die Aserbaidschaner ihre Meinungen mitteilen und diskutieren können. Aber auch im Internet haben die Menschen stets Angst, verfolgt zu werden. Erst kürzlich hat die Regierung beschlossen, auch Facebook zu durchsuchen; es soll sogar eine offizielle Abteilung im Geheimdienst für Facebook geben. Gerade im März wurden zwei Aktivisten der Jugendorganisation N!DA (A.d.R. Nida heißt Ausrufezeichen) festgenommen, weil Polizisten ihre privaten Mails gelesen und sie so ausfindig gemacht hatten. Ich habe gehört, dass in manchen Hochschulen die Leitung den Studenten androht, sie von der Universität auszuschließen, sollten sie auf Facebook gehen. Aber das Internet ist nicht so einfach zu kontrollieren, jeder findet seinen Weg, viele User benutzen Pseudonyme. Besonders junge Leute haben keine Angst mehr, in den Universitäten lernen sie sowieso nichts. Wir haben keine Angst mehr.

Wie veröffentlichen Sie Ihre Meinung online?

Ich habe eine Facebook-Seite und einen Twitter-Account. Hier poste ich meistens kritische, satirische, oder lustige Kommentare. Ich mag es zum Beispiel, mich an @azpresident zu wenden und ihn etwa zu fragen, warum er immer das Größte oder Längste möchte… Hat er etwa ein Größen-Problem? Oder ich lasse ihn wissen, dass ich ihn nur wähle, wenn er seinen Bart abschneidet und seinen Kopf rasiert. Ich habe zwar auch einen Blog, aber da geht es um meine eigene Religion. Ich möchte Tabus brechen und den Leuten helfen, über Dinge zu lachen, die vorher als nicht diskutabel galten.

 

Bietet Musik in Aserbaidschan eine Möglichkeit, das Regime zu kritisieren?

Es geht hier darum, die eigene Meinung auszudrücken. Es geht um Freiheit und Verrücktheit. Da ist es egal, ob man malt, singt oder tanzt, solange man frei ist und niemandem gehorchen will. Wir wollen nicht akzeptieren, unterdrückt zu werden. Die Menschen, die meine Lieder hören und zu ihnen tanzen, schöpfen aus der Musik Mut. Auch wenn es manchmal nur für drei Minuten ist, manchmal ist es für ein ganzes Leben – das weiß ich nicht. Aber ich glaube an die Kraft der Freiheit, an die Kraft der Kunst. Genau das wissen unsere Pharaonen auch. Deswegen wollen sie die Kunstwerke kontrollieren und bestimmen, was akzeptabel ist und was nicht. Ich wurde zwei Monate vor dem Eurovision Song Contest verhaftet, weil ich gesungen und den Präsidenten verflucht habe. Dabei ist das mein Lied, meine künstlerische Freiheit, und solange die Pharaonen das nicht mögen, weiß ich, dass ich meine Sache gut mache.

Ein Beitrag von .

Sorry, comments are closed for this post.